Aus Platzgründen konnten wir leider im Heft Nr. 107 (April 2014) nicht den ganzen Text abdrucken. Hier die originale und ungekürzte Fassung.


 

Die Brieftaube - ein Kulturgut stirbt aus -  auch in Klein-Linden
 

BlauscheckEinige Leserinnen und Leser werden jetzt schon die Nase rümpfen. Doch so schlimm wie der Ruf der Taube auch klingen mag, ist er tatsächlich nicht. Sicherlich verunreinigen die Stadttauben, die zu einem kleinen Teil Nachkommen der Brieftaube sind, öffentliche wie auch private Gebäude oder Plätze. Schlimme Krankheitsüberträger oder "Ratten der Lüfte", wie einige Medien dies bereits in Funk und Fernsehen verkündeten, sind sie auch nicht. Ich bin mit Tauben aufgewachsen, mittlerweile 55 Jahre alt, hatte noch nie eine Salmonelleninfektion oder irgendwelche hartnäckigen Ansteckungskrankheiten, die angeblich von Tauben übertragen werden. Was wäre aber zum Beispiel Venedig ohne seine Tauben?
Der Mensch ist im Grunde genommen selbst daran schuld, wenn sich diese Vögel in den Städten so stark vermehren. Wie oft habe ich in der Giessener Johannette-Lein-Gasse, dem Verbindungsweg zwischen Parkhaus Schanzenstraße und der Bahnhofstraße, einige ältere Mitmenschen auf den Bänken sitzen sehen, die pfundweise Weizen an die Stadttauben verfütterten. Sie ignorierten ganz einfach das Verbot der Taubenfütterung des Stadtparlaments. So konnten sich die Stadttauben anhand des guten Futterangebots - nicht nur an dieser Stelle - sehr gut vermehren.

Doch kommen wir zum eigentlichen Thema: Die Brieftaube, oder zu erst die Taube schlechthin. Sie wird als Friedenssymbol bezeichnet und war der Ãœberbringer gewisser Zweige zurück zu Noah auf die Arche.

FahlÃœber die Herkunft der Taube vor unserer Zeitrechnung gibt es einige Mutmaßungen. Was aber Fakt ist, dass in Persien, Ägypten und Griechenland mit Tauben gearbeitet wurde. Der genaue Ursprung dieser Vögel lässt sich mit 100%iger Sicherheit nicht erklären. Was man aber damals von der Taube schon wusste, waren der Orientierungssinn, Schnelligkeit, Anhänglichkeit an die eigene Umgebung sowie Beharrlichkeit. Diese Qualitätsmerkmale machte sich der Mensch zu Nutze. Tauben waren schon immer bei Menschen und ihren Häusern aufzufinden. Aber es gab auch echte Liebhaber, die sie aus Zuneigung hielten und sich intensiv um sie kümmerten. Sicher ist auch, dass bereits im Altertum eine bescheidene Selektion, was das Heimfindevermögen betraf, stattfand. Der Grieche Taurosthenes aus Aegina war so ein Liebhaber. Er verfügte über mehr oder weniger selektierte Tauben. Es ist bekannt, dass dieser Taurosthenes mit Erfolg an den Olympischen Spielen teilnahm. Um seinen Sieg den Verwandten in seinem Dorf mitzuteilen, gebrauchte er den schnellsten Boten seiner Zeit: Die Taube. Viele Landsleute von ihm, ebenso Römer, Perser oder Ägypter, benutzten diese "Renner der Lüfte", um wichtige Berichte zu übermitteln, vor allem in Zeiten des Krieges, der Belagerung und der Katastrophen.
Durch die Kreuzzüge verbreitete sich der Gebrauch von Tauben über Teile Europas. Sie wurden als nützliche Eilboten eingesetzt, nicht nur zu militärischen Zwecken, sondern auch zum überbringen privater Nachrichten. Westeuropa erlag dem Charme und dem Nutzen der Tauben zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Im Jahre 1800 verwendete der Stifter der Presseagentur Reuter Tauben für seine Berichterstattungen. Auch über die Niederlage Napoleons auf dem Schlachtfeld von Waterloo (1815) wurde mittels dieser schnellen Fliegern berichtet. Das berühmte Haus Rothschild hat teilweise der Schnelligkeit dieser Berichte seinen Reichtum zu verdanken. Noch während des zweiten Weltkriegs wurden Brieftauben von den englischen Streitkräften zur Ãœbermittlung von wichtigen Nachrichten eingesetzt. Einige von ihnen bekamen sogar Orden für ihr schnelles und sicheres Nachhausefliegen.

Die Stammtaube, also der Ursprung der Brieftaube in der modernen Zeitrechnung, ist nach den letzten wissenschaftlichen Erkenntnissen die Felsentaube. Sie kam und kommt ziemlich oft in den Ländern um das Mittelmeer vor. Durch Kreuzungen mit verschiedenen anderen Taubenrassen und Selektion wurde in Belgien Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen, diese gefiederten Nachrichtenübermittler gezielt zu züchten. Im Laufe der Jahre entwickelte sich durch diese gezielten Züchtungen die heutige Brieftaube. Die ersten Vereine, deren Mitglieder nicht nur an privaten Rennen ihrer Tauben interessiert waren, wurden zwischen 1815 und 1825 in Belgien gegründet. Ãœber Holland schwappte dann das Hobby "Brieftauben" weiter nach Deutschland, hauptsächlich ins Ruhrgebiet, über. Die Züchtungen gingen immer weiter, verstärkten nicht nur das Heimfindevermögen, sondern brachten in all den Jahren eine breite Farbenvielfalt bei der Brieftaube zum Vorschein. Angefangen von dem typischen "Taubenblau", einem Grauton, über "Blaugehämmert", Taubenblau mit mehr oder weniger dunkleren Federn im Deckgefieder des Flügels, bis zu ganz schwarzen oder auch schneeweißen Vögeln. Dazu kam die Mischung aus den Grundfarben mit weiß, dementsprechend "Scheck" oder je nach Farbeinlagerungen im Gefieder "Schimmel" genannt. Es gibt aber auch fahle (eine Art von beige) oder ziegelrote Brieftauben, wobei auch hier der Weißfaktor nicht vergessen werden darf. Die neueste Farbzüchtung sind schwarzweiße Brieftauben, deren Gefieder fast wie ein "Schachbrett" aussieht. Schwarze und weiße Federn wechseln sich teilweise regelmäßig oder auch unregelmäßig ab.

Rezessiv RotscheckDurch die modernere Nachrichtenübermitt-lungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel das Telefon, wurde irgendwann die Brieftaube zum schnellen Transport von irgendwelchen Mitteilungen nicht mehr benötigt. Das Hobby, der Wettbewerb, welche Taube bei wem als schnellste von einem mehr oder weniger weit weg von der Heimat entfernten Auflassort wieder nach Hause kam, blieb aber bestehen. Es gab auch nichts Erholsameres für einen Bergarbeiter oder "Kumpel" nach der Schicht im Schacht oder Stollen, als sich zu seinen Tauben auf dem Dachboden seines Reihenwohnhauses im Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen oder Essen zu begeben. In all den Jahren verbreitete sich die Brieftaubenzucht und das "Reisen" mit diesen Vögeln über die ganze Republik.

RotgehämmertAuch in Klein-Linden fand dieses Hobby einige hochgradig Begeisterte. Ich kann mich noch an die Taubenschläge von Bruno Cicharski und Theo Weller in der damaligen Obergasse, jetzt Zum Maiplatz, erinnern. Der frühere Wirt und Inhaber der Gaststätte "Deutsche Eiche" in der Frankfurter Straße, Franz Rathenow, war auch so ein "Taubenvadder". Zwischen tausend Erdbeerpflanzen stand einst ein aus Bundesbahnschwellen, die zu handlichen Brettern zersägt waren, selbst gebauter Taubenschlag von Erich Amend. Dieses Kleinod, was jedes Jahr im Juni oder Juli zum naschen einlud, musste seinen Platz für die Baumaßnahme Hermann-Löns-Straße mit den vielen neuen Wohnhäusern räumen. Erichs Schwiegersohn, Karl Heller, hatte seine Tauben im Schlag über der Garage direkt neben dem Wohnhaus in der Lützellindener Straße sitzen. Auch einer der Schlosser-Brüder, und zwar Herbert, besaß Brieftauben im Gartenschlag hinter seinem Haus in der Frankfurter Straße. 1966 kamen mein Vater Johann und ich dazu, nachdem wir von Großen-Linden nach Klein-Linden in das eigene Heim umgezogen waren. Mein alter Herr, ein waschechter "Kölsch Jung", besaß bereits Tauben in seiner alten Heimat. Seine Frau, meine Mutter, ein echtes "Linneser Mädche'", nämlich die Lang's Anna, akzeptierte sein "Steckenpferd" selbst durch die Kriegswirren hindurch bis zum letzten Tage.

SchwarzscheckUnd heute? Man sieht keine Taubenschwärme mehr über Klein-Linden hinweg ziehen, außer um die Autobahnbrücke in Bernhardshausen. Aber dies sind Stadttauben, die ihre Aufenthaltsplätze unter dieser Brücke haben. Bis auf Karl Heller, der noch ein paar Täubchen in seinem Schlag hält, und ich ist kein Brieftaubenfreund mehr übrig geblieben oder hinzugekommen. Die Söhne oder Töchter der Angesprochenen zeigten kein Interesse an der Brieftaubenhaltung. Dies ist aber nicht nur in Klein-Linden so, sondern in der ganzen Bundesrepublik. Dafür gibt es verschiedene Gründe, die das "Kulturgut Brieftaube", wie der Vorstand der deutschen Brieftaubenzüchtergilde sich gerne ausdrückt, langsam ausstirbt.
Wie bereits angesprochen: Der Nachwuchs fehlt. Heute interessiert sich die Jugend für ganz andere Sachen. Das Freizeitangebot hat sich in den letzten Jahrzehnten so vergrößert, dass viele Jugendliche überhaupt nicht mehr wissen, was sie nach der Schule oder Arbeit anstellen sollen. Da der Zeitaufwand bei der Brieftaubenhaltung sehr intensiv ist, wenn man es richtig betreiben will, kommt dieses Hobby für die Heranwachsenden nicht in Frage. Wer tauscht schon das gemeinschaftliche "Gruppenabhängen" gegen das "Eremitleben" im Taubenschlag aus.
Alle Greifvögel, die natürlichen Feinde der Brieftaube, stehen seit vielen Jahren ganzjährlich unter Naturschutz. Dazu wurden massenweise die perfektesten Jäger der Lüfte, nämlich die Wanderfalken, erfolgreich ausgewildert. Fast jeder Brieftaubenzüchter in dieser Republik hat erhebliche Verluste seiner Brieftauben durch die Greife zu beklagen. Es ist nicht nur der materielle Verlust, der vielen Taubenfreunden den Spaß an diesem Hobby verdirbt, sondern vor allem der Ideelle.
Neueinsteigern wurde der Neubau eines Taubenschlages im Garten sofort durch die Nachbarn amtlich untersagt. Dazu kommt, dass in den meisten Neubaugebieten, die in den letzten Jahren in jeder Gemeinde wie Pilze aus den Böden schossen, grundsätzlich Tierhaltung verboten ist. Da gibt es ein altes Sprichwort, was da heißt: "Wer keine Tiere mag, mag auch keine Menschen." Nun ja - Verschiedene Tierschutzorganisationen bekämpfen immer mehr den "Brieftaubensport". Teilweise zu Recht, wie ich selbst mittlerweile empfinde. Da gibt es zum Beispiel jedes Jahr einen Flug von Barcelona. Tausende Tauben aus allen mitteleuropäischen Ländern werden mit Spezialtransportern, den sogenannten "Kabinen-Expressen", in die Nähe der spanischen Metropole transportiert. Die Tiere müssen also mehrere Tage in speziellen Boxen ausharren (Futter und Wasser steht ihnen zur Verfügung, wenn sie es erreichen!), werden während des Transportes hin und hergeschaukelt, bis sie dann eines Morgens, mitunter nach tagelangem warten auf schönes Wetter, alle auf einmal freigelassen werden, um nach Hause fliegen zu dürfen. Das dabei viele Tauben während diesem teilweise über 1100 Kilometer weitem Nachhauseweg auf der Strecke bleiben, ist völlig logisch. Ich habe mich vor zehn Jahren aus dem aktiven "Reisen", wie es so schön im Brieftaubenzüchterjargon heißt, zurückgezogen. Ich züchte seitdem extrem bunte Tauben und beherberge viele alte Tauben verschiedener "Kollegen" in meinen Schlägen im Garten. Diese Tiere wären sonst der "Altersauslese", was für mich ein Dorn im Auge ist, zum Opfer gefallen. Und das muss doch wirklich nicht sein.

Es gibt für mich keine schönere Erholung von dem täglichen Stress, als mich zwischen meine bunten Lieblinge zu setzen, ihnen einige Leckerbissen zu reichen oder bei ihrem temperamentvollen Treiben einfach nur zuzuschauen. Eine bis zwei Stunden täglich muss ich schon für das reinigen der Schläge und der Verpflegung dieser "Bande" investieren. Die Nachbarn und andere Gartenfreunde freuen sich über den zu kompostierenden "Frischdünger". Diese intelligenten Vögel bedanken sich bei mir und meiner Pflege, in dem sie außergewöhnlich alt werden. Heutzutage dürfte das Höchstalter der Brieftaube zwischen acht und zehn Jahren liegen. Mein Ältester wird im Jahre 2014 21 Jahre alt. Er ist somit einer der ältesten Tauben in der BRD. Irgendwann wird auch seine Zeit gekommen sein. Nachfolger von ihm gibt es aber bereits jede Menge. Natürlich kümmere ich mich auch um alle gestrandeten Brieftauben, die ihre Heimat, aus welchen Gründen auch immer, nicht wiedergefunden haben.
Wenn ich in hoffentlich ferner Zukunft den letzten Weg gehe, werden wohl alle meine Brieftauben mitgehen müssen. Einen Erben habe ich, aber keinen, der mein Hobby fortführt.

Wer sich mehr für meine Brieftauben interessiert, kann sich gerne auf meiner Homepage www.andreas-kuempel.de ein wenig umschauen. Dort steht zwar viel "Brieftaubenzüchterlatein", aber es sind auch einige Fotos von meinen Tauben und ihrer Umgebung enthalten. Leider befindet sich diese "HP" immer noch im Aufbau. Mir fehlt einfach die nötige Zeit dazu.

Andreas Kümpel

 

 

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Annahmeschluss
Ausgabe 120

1. Juni